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Angelus Loci

Vier Kunstinstallationen von vier Südtiroler Künstler*innen, zwei Engelskuben und eine Engelsausstellung für die Weihnachtszeit in Bozen – Stadt der Engel

Vom 25. November 2021 bis zum 6. Jänner 2022 ist das Kunstprojekt „Angelus Loci“ Teil der diesjährigen Bozner Weihnacht und zieht sich als Ausstellungsparkour mit vier ortsspezifischen Kunstinstallationen der Künstler*innen Carla Cardinaletti, Michael Fliri, Elisa Grezzani und Hubert Kostner durch den gesamten öffentlichen Raum der Stadt Bozen. Ergänzt wird das Projekt durch zwei, dem Thema Engel gewidmeten Makro-Kollagen auf dem Mazzini- und dem Matteottiplatz sowie einer Ausstellung von Reproduktionen der Jugendstil-Engel des Künstlers Anton Hofer im Stadt Hotel. Das von der Stadt Bozen in Auftrag gegebene Projekt „Angelus Loci“ hat das Büro für Kommuniktaion franzLAB in Zusammenarbeit mit dem Verkehrsamt Bozen kuratiert und umgesetzt.

Die Installationen befinden sich am Waltherplatz (Campofranco), Goethe Straße, Mazzini Platz und H1 (Messe Bozen).

Zwischen Materiellem und Immateriellem, zwischen Menschlichem und Spirituellem, zwischen dem Irdischen und dem Jenseits ist der Engel eine Symbolfigur, die in allen Kulturen und Religionen präsent ist – in erster Linie als (Himmels-) Bote. Positive Botschaften zu verbreiten erscheint gerade in einem Land mit vielen Sprachen und Kulturen in einer Zeit des nicht nur religiös begangengen Weihnachtsfestes sehr treffend und das war die Prämisse für Angelus Loci, des vom Büro für Kommunikation franzLAB in Zusammenarbeit mit dem Verkehrsamt Bozen und im Auftrag der Stadt Bozen kuratierten und organisierten Projektes.

Mit dem Konzept des Angelus Loci – Engel des Ortes – haben sich vier Südtiroler Künstler*innen auseinandergesetzt und für vier verschiedene Orte vier temporäre Kunstwerke geschaffen – im Sinne vieler weiterer Räume in der Stadt.

Wörtlich übersetzt bedeutet der lateinische Begriff Genius Loci „Geist des Ortes“. In der römischen Mythologie war mit Genius ein Schutzgeist gemeint, der einen bestimmten Ort in der Natur oder Stadt einerseits beschützt und andererseits dessen besondere Merkmale definiert. Auch wenn der Begriff Genius Loci keine alte, spirituelle Konnotation hat, wird er heute noch verwendet, um die Gesamtheit der soziokulturellen, architektonischen, sprachlichen und gewohnheitsmäßigen Merkmale zu bezeichnen, die einen Ort, eine Umgebung oder eine Stadt charakterisieren. In der Weihnachtszeit hat auch „Bozen – Stadt der Engel“ einen ebensolchen Schutzgeist: Angelus Loci, der Engel des Ortes, überbringt durch die Kunstwerke der von vier Südtiroler Künstler*innen – Carla Cardinaletti, Michael Fliri, Elisa Grezzani und Hubert Kostner – Licht und Energie, Brise und Bewegung, Klänge und Worte und für vier verschiedene Orte temporär vier Kunstwerke geschaffen – im Sinne vieler weiterer Stadtorte.

Mit allen vier Künstler*innen findet am 15. Dezember 2021 in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Künstlerbund mit der Moderation von Eva Gratl ein vertiefendes Gespräch statt.

Die Kunstinstallationen

ANGELO ROSA – CARLA CARDINALETTI
Waltherplatz

Betrachtet man den Rosengarten von Bozen aus mit den Augen und dem Staunen eines Kindes, erkennt man darin das Profil eines Engels mit gefalteten Händen: Der Bozner Engel. Die Körperlosigkeit des Schriftzuges Angel impliziert die Leichtigkeit der Engel und tritt als Silhouette am Himmel mit dem Dolomitenmassiv in Dialog. Die Installation lädt dazu ein, darüber nachzudenken, dass wir manchmal die Gnade haben, dieses geheimnisvolle Wesen in und um uns wahrzunehmen. Im Dazwischen – der Dämmerung –leuchtet sie rosa.

Material: Edelstahl Supermirror, Polyurethan
Technik: Installation
Größe: Breite 296 cm, Höhe 146 cm, Tiefe 8 cm
Projektplanung: Collettivo ArgentoVivo
Materialstudien und Prototyping: Christian Martinelli + Tony Berto
Sponsoren: Bazzanella Metal S.n.c., Palais Campofranco, META Restaurant

Carla Cardinaletti, 1971, aus Bozen, lebt und arbeitet im Trentino. Studium für Literatur und visuelle Kommunikation in Trient und in Mailand. Ihre großformatigen, interaktiven Arbeiten installierte sie unter anderem an den Säulen von San Lorenzo, der ehemaligen Mautstation von Porta Nuova in Mailand, im MUSEION in Bozen, bei Kunst Meran Merano Arte. Gewinnerin des internationalen Wettbewerbes Dieselwall sowie weiterer Preise und internationale Residenzen in Italien, Paris und Barcelona.

STILL WITH EARTHLY DESIRES + ASPIRANT – MICHAEL FLIRI
H1 – Messe Bozen

Sie schweben – zwischen Licht und Schatten, Transparenz und Materialität. Sie sind Lichtwesen und Lichtbringer: Seraphim-Engel sind südtirolweit in diversen sakralen Fresken zu finden. Mit aufwendiger Technik verwandelt Michael Fliri seine künstlerische Ästhetik in eine komplexe Installation aus Musik, Video und großformatigen Fotografien und entführt das Publikum in eine Paralleldimension und Zwischenwelt. Flügel und Körper hypnotisieren den Blick, Bewegung und Zeit transformieren sich in Körperlosigkeit.

Das Video ist vom 26. November 2021 bis zum 6. Jänner 2022 alle 20 Minuten zu sehen. 

Material: LED-Bildschirm, Fotopapier, Stoff, Aluminiumplatten, Metallkonstruktion hängend und stehend
Technik: Licht-Schatten-Fotografie, Video, Sound
Größe: Video: 14 x 8 m, 11 min 50 sec; Foto: 2 x à 1,80 x 1,10 m; Installationen: 4 x à 2,30 x 2,40 m
Sound: Koen Vermeulen
Kameramann: Rafael Kroetz
Sponsoren: Pichler Projects GmbH, Messe Bozen

Michael Fliri, 1978, aus Taufers im Münstertal, lebt und arbeitet in Zürich und Südtirol. Studium an der Accademia di Belle Arti in Bologna und Akademie der Bildenden Künste in München. Zahlreiche internationale Einzel- und Gruppenausstellungen, u. a. im Centre Pompidou in Paris, in der Kunsthalle Düsseldorf, im Mambo in Bologna, in der Generali Foundation in Wien, im MUSEION in Bozen. Mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Kunstpreis der Stadt Wien und des Österreichischen Kulturministeriums.

VEHUIAH [aus der Serie „FLYING CARPETS“, 2021] – ELISA GREZZANI
Goethe-Straße

Der Seraph Vehuiah, ein sechsflügeliger Engel aus reinem Licht oder Feuer, der nach der Kabbala zur höchsten himmlischen Hierarchie gehört, bringt Lichtenergie, die das Chaos auflöst. Dieses nahezu körperlose Wesen steht im Mittelpunkt der Installation von Elisa Grezzani: Der große, farbenreiche Jacquard-Teppich soll der Stadt Bozen als eine Art „Talisman“ Licht, Frieden und Hoffnung schenken.

Material: Baumwolle, Lurex, Polyester, Chenille
Technik: Digitale Collage als Jacquard-Gobelin gewebt
Größe: 680 x 340 cm
Das Kunstwerk von Elisa Grezzani wurde in Zusammenarbeit mit der Weberei Tessitura Fratelli Grassi S.N.C. angefertigt.

Elisa Grezzani, 1986, lebt und arbeitet in Bozen und Bologna. Studium der Malerei in Urbino. Diverse Einzelausstellungen u. a. im Palais Mamming in Meran, in der Galleria Stefano Forni in Bologna, im RLB Atelier Lienz, in der Galerie Prisma in Bozen sowie Gruppenausstellungen bei der Volta Art Fair in Miami und Basel, in der Festung Franzensfeste und der Galerie an der Pinakothek der Moderne in München. Gewinnerin des Kunstpreises „HGV-Künstlerin des Jahres 2021“.

L U C I – HUBERT KOSTNER
Eurac Research - Drususallee

Sie erhellen besonders in dunkleren Monaten in mannigfaltiger Ausführung Plätze, Parks und Gassen. Immer schon waren Lichter bzw. Luci auf Italienisch für Menschen aller Kulturen überall auf der Welt von Bedeutung, sie feierten dessen Rückkehr und auch Abwesenheit. Hubert Kostner erhellt mit seiner Lichtarbeit L U C I einen Platz in Bozen. In alle Himmelsrichtungen strahlt ein Wort – wie ein Engel – und steht für ein erleuchtetes Menschsein und ein friedvolles Zusammenleben.

Material: Fichtenholz sägerau, Gewindestangen, LED
Technik: Installation
Größe: 330 x 215 x 215 cm
Sponsoren: XAL GmbH, Alma Light der Natalie Tschigg, Von Lutz

Hubert Kostner, 1971, lebt und arbeitet in Kastelruth. Dem Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste München folgen längere Aufenthalte in Madrid und Peking. Einzelausstellungen u. a. im MUSEION Bozen, in der Galerie MAM Contemporary Art in Wien und Salzburg, der Alessandro Casciaro Art Gallery, der StadtGalerie Brixen und der Galerie Prisma in Bozen. Zahlreiche Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Hubert Kostner ist Preisträger des IV. Premio Agenore Fabbri.

Weitere Projekte

ENGEL IM GEBIRGE
Mazzini-Platz

Luftlinie zwischen den Südtiroler Gebirgsketten und dem Krankenhaus Bozen, sozusagen über dem Mazzini-Platz, fliegen die Rettungshubschrauber der Südtiroler Bergrettung: Tag und Nacht setzen sich BRD – Bergrettungsdienst im Alpenverein Südtirol, CNSAS – die Südtiroler Berg- und Höhlenrettung des CAI, Aiut Alpin Dolomites und Heli - Flugrettung Südtirol für die Sicherheit vieler Menschen in den Bergen ein. Diesen „Engeln im Gebirge“ ist die Foto-Installation mit Infografiken auf einem der Kuben am Eingang der Tiefgarage am Mazzini-Platz gewidmet und richtet damit während der gesamten Weihnachtszeit den Fokus auf ihre wertvolle Arbeit.

Vier großformatige Bergfotografien von Leonhard Angerer stehen stellvertretend für die Südtiroler Bergwelt und zeichnen anhand von Zahlen und Fakten informativ ein Bild der Bergrettungsaktivitäten in Südtirol: Die Anzahl der Rettungseinsätze pro Jahr, der Retter im Einsatz und der geretteten Personen sowie weitere Daten und Details informieren Bürgerinnen, Bürger und Gäste und weisen auf die riskante und selbstlose Arbeit der Südtiroler Bergrettung zur Sicherheit anderer hin.

Das mit Fotos und Infografiken bedruckte Material wird im Anschluss recycelt: Speziell dafür wird die Designabteilung von Salewa einen Rucksack entwerfen. Die Rucksäcke sind in limitierter Auflage in den Salewa Shops erhältlich. Der Verkaufserlös kommt den Bergrettungsorganisationen zugute.

WIE VIELE ENGEL?
Matteotti-Platz

Engel sind nicht nur ein beliebtes Motiv der Kunst, sondern auch der Literatur, der Musik, der Architektur und nicht zuletzt der Volkskultur. Abbildungen von ihnen als Himmelsbooten, Beschützer, körperlose Wesen und Hirten schmücken Straßen, Häuser, Wände, Kaminsimse und Tische zuhause und natürlich Weihnachtsbäume. Sogar Pflanzen, Berge, Backwaren und Menschen tragen ihre Namen.

Den Kubus auf dem Matteotti-Platz schmückt als Hommage auf all die Engeldarstellungen in Bozen und Südtirol eine großformatige Engel-Installation – eine Mischung aus Spiel und Ausstellung im öffentlichen Raum.

DIE ENGEL VON ANTON HOFER
Stadt Hotel

In den anmutigen Kaffeehaus-Räumlichkeiten des Stadt Hotels zeigt eine charmante Ausstellung Reproduktionen der vier Jugendstil-Engel des Bozner Künstlers Anton Hofer, der sein Studio einst auf dem Waltherstraße hatte.

Der Künstler Anton Hofer (Bozen, 1888–1979) studierte in Wien an der k. k. Kunstgewerbeschule, heute Hochschule für Angewandte Kunst. Von 1908 bis 1912 belegte er die Meisterklasse in Malerei bei Koloman Moser, einer der wichtigsten Persönlichkeiten der Kunst- und Stilentwicklung in Wien. Anton Hofer war Mitglied der Wiener Werkstätte und des Deutschen Werkbunds. Im Einfluss der Secession war ihm das Kunsthandwerk ein großes Anliegen, insbesondere das Textildesign. Bereits als Schüler konnte Hofer 1910 einen großen Erfolg verbuchen, als er den Wettbewerb für ein Pontifikalornat gewann, den das Stift Klosterneuburg ausgeschrieben hatte. Dieser Marienornat erregte großes Aufsehen und ist ein herausragendes Beispiel des Jugendstils. Ein Ausschnitt des Pluviales, das einen Engel darstellt, wird in dieser Ausstellung gezeigt. Noch in Wien heiratete er 1919 May Ottawa, die er an der Akademie kennengelernt hatte und die sich selbst später einen Namen als Künstlerin mit ihren Werken in Emaille und Bildteppichen aus Stoffapplikationen machen würde.

1920 kehrte Hofer mit seiner Frau May nach Bozen zurück und stieß anfänglich mit seiner Kunst auf völliges Unverständnis. Als Architekt, Maler und Designer konnte er schließlich Fuß fassen, wobei seine Aufmerksamkeit besonders dem qualitativ hochwertigen Kunsthandwerk galt.

Hofers Vorstellung vom künstlerischen Gestaltungsprinzip in allen Wohnbereichen schuf die Grundlage zu seinem vielschichtigen Œuvre. Seine avantgardistischen und zeitlosen Entwürfe für Möbel, Geschirr und Textilien bestechen durch ihren ästhetisch-funktionalen Stil und ihre klaren Linien. Neben verschiedenen Auftragsarbeiten zur Gestaltung von Exlibris, Firmenlogos, Etiketten oder Schildern entwarf Hofer auch zahlreiche Plakate, wobei einer seiner Schwerpunkte in der Kreation zweckmäßiger, ausgefallener, ideenreicher Schriften lag.

Mit der Weberei Ulbrich in Bruneck verband ihn über einen langen Zeitraum hinweg eine fruchtbare Zusammenarbeit. Seine Entwürfe für Tischdecken werden auf Bestellung bis heute gefertigt. Die Fülle an Mustern variiert von streng geometrischen Linien über weich verlaufende Ornamente zu abstrahierten Naturelementen – alle geprägt durch eine wohlüberlegte Farbwahl.

Mit seinen Arbeiten nahm Hofer an zahlreichen Wettbewerben und Ausstellungen teil und gewann mehrmals erste Preise wie zum Beispiel 1933 bei der Kunsthandwerksausstellung in Florenz für den Entwurf von Möbeln. Neben seiner Arbeit beteiligte er sich in Bozen aktiv am künstlerischen Geschehen und war unter anderem Gründungsmitglied des Südtiroler Künstlerbundes. Anton Hofer hinterlässt ein umfassendes Werk, das in seiner Bandbreite und seinem Abwechslungsreichtum wohl Seltenheitswert hat. (Text von Sylvia Hofer)